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Gemeinsam raus aus der Deckung

Die Füchse und die Tornados wagen sich aus der Deckung. Bei einem Benefizspiel treffen die beiden Teams aus Weißwasser und Niesky am 10. Oktober aufeinander. Es ist nur eine von vielen Aktionen im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit, mit der die Krankheit Depression ins Bewusstsein der Menschen gebracht und damit entstigmatisiert werden soll.
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Es ist einige Jahre her, dass die Tornados und die Füchse sich auf dem Eis gegenüber standen. Als die Anfrage für das Benefizspiel kam, zögerte man aber weder in Niesky noch in Weißwasser. „Als wir gefragt wurden, ob wir bei dem Thema einen Beitrag leisten können, habe ich spontan zugesagt und mir dann Gedanken gemacht, was wir tun können“, sagt Füchse-Geschäftsführer Dirk Rohrbach. Schließlich entstand die Idee eines Benefizspiels, mit dem im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit auf die Krankheit Depression aufmerksam gemacht werden soll. Dank des Sports könne man viele Menschen erreichen, auch viele, die vielleicht selbst erkrankt sind aber sich bisher noch keine Hilfe gesucht haben.  Das Motto des Spiels, zu dem der Eintritt frei ist, lautet dementsprechend: „Raus aus der Deckung“. Mit allen Veranstaltungen sollen Betroffene motiviert werden, den Schritt zu wagen und sich Hilfe zu suchen. Außerdem soll die Krankheit entstigmatisiert und Menschen für den Umgang mit Betroffenen sensibilisiert werden.

Bündnis gegen Depression

Organisiert wird die Woche der seelischen Gesundheit vom neu gegründeten Bündnis gegen Depressionen. Das Bündnis versucht auf mehreren Ebenen die Information und die Versorgung von Menschen mit depressiven Erkrankungen zu verbessern und einen Beitrag zur Gesundheitsförderung, Suizidprävention, Enttabuisierung und Entängstigung zu leisten. „In anderen Regionen sind solche Bündnisse schon lange etabliert, im Landkreis Görlitz hat das leider sehr lange gedauert“, sagt Projektkoordinator Matthias Gahmann. Er habe bei seiner Arbeit sehr schnell gemerkt, dass es im Landkreis zwar viele Hilfsangebote gibt, aber oft selbst Profis, die in dem Bereich arbeiten, diese Angebote nicht kennen. Ein Ziel ist es daher, alle diese Hilfsangebote auf einer Website zu vereinen, um so allen Hilfesuchenden die Möglichkeit zu geben, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. Ein wichtiger Ansatzpunkt für das Bündnis ist außerdem die Zusammenarbeit mit sogenannten Multiplikatoren. Damit sind Menschen gemeint, die oft mit anderen in Kontakt kommen. Das können Berater, Pfarrer, Altenpflegekräfte, Apotheker oder Polizisten sein. Für sie alle werden Fortbildungen angeboten, die sie im Umgang mit depressiv Erkrankten schulen. „Oft sind es die Angehörigen, die die Krankheit zuerst bemerken“, erklärt Matthias Gahmann. Auch sie bekommen durch die Kampagne Hilfe und Tipps, wie sie mit der Krankheit umgehen sollten.

Eine Woche Programm

Neben dem Derby auf dem Eis wird es dazu vom 8. bis 11. Oktober weitere Veranstaltungen geben. Am 8. Oktober steht eine Reinigungsaktion an, bei der auf dem Bahnhofsvorplatz Bodenindikatoren gereinigt werden. Die Indikatoren sind wichtige Hinweisgeber für blinde und sehbehinderte Menschen. Jeder der bei der Aktion helfen möchte, ist ab 10 Uhr am Bahnhof herzlich willkommen. Einen Tag später sprechen beim Vortrag „Bin ich anders, weil ich zwangserkrankt bin?“ betroffene über ihre Krankheit, wie sie damit umgehen und wo sie sich Hilfe geholt haben. Psychologin Annett Hentschel begleitet den Nachmittag fachlich. Der Eintritt zu der Veranstaltung in der Formwerkstatt Telux (Straße der Einheit 2-24) ist frei. Um Anmeldung wird gebeten. Nach dem Umfangreichen Programm zum Benefizspiel (siehe Extrakasten) geht’s am 11. Oktober ins Kino. Im Rahmen der Kamera Sensibel wird in der Formwerkstatt Telux der Film „Vergiss mein nicht“ gezeigt. Bei einer Anschließend Podiumsdiskussion wird näher auf das Thema Demenz, von dem auch der Film handelt, eingegangen. Los geht’s 17 Uhr. Auch hier ist der Eintritt frei, es wird ebenfalls um Anmeldung gebeten. Ablaufplan 10. Oktober
  • 17-19 Uhr: Vereins- und Selbsthilfebörse
  • 17.30-18 Uhr: Autogrammstunde mit den Lausitzer Füchsen und den Tornados Niesky in der Gaststätte Pinter
  • 17.30 Uhr: Besuch der Füchse-Kabine für fünf ausgewählte Teilnehmer
  • 18-19 Uhr: Fachvortrag „Sport und psychische Gesundheit“ in der Gaststätte Pinter
  • 19.20 Uhr: Eröffnungsrede
  • 19.30 Uhr: Spielbeginn

Die lange Unsicherheit

Die Betroffenen selbst merken oft lange Zeit nicht, dass sie an Depressionen leiden. „Wer Depressionen hat, überlegt ja nicht den ganzen Tag, ob er krank ist. Und viele Menschen wollen es sich nicht eingestehen. Sie müssen auf Arbeit funktionieren und wollen so stark sein, wie sie sich nach außen geben. Aber je schneller man Hilfe sucht und bekommt, desto schneller wird man auch wieder gesund. Wenn eine Depression chronisch wird, ist sie zwar immer noch heilbar, aber es dauert viel länger“, sagt Matthias Gahmann. Das kann auch Manuela Schwarze bestätigen. Sie selbst leidet seit über 20 Jahren an Depressionen. „Es ist unwahrscheinlich schwer, sich erst mal zu öffnen. Schon der Weg zur Selbsthilfegruppe ist schwer.“ Sie selbst hätte sich gewünscht, dass sie vielleicht jemand darauf anspricht, mit ihr darüber redet. „Ich habe viel zu lange gewartet, bevor ich mir Hilfe gesucht habe. Fast 20 Jahre“, sagt Schwarze, die sich heute in der KISS Weißwasser engagiert und anderen Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite steht. „Wenn man wochenlang in schlechter Stimmung und antriebslos ist, wenn man keinen Lärm, nicht einmal mehr Musik ertragen kann, dann sollte man sich Hilfe suchen.“ Sie selbst hat das inzwischen getan und genießt jeden Tag, an dem sie es schafft, aus dem Haus zu gehen. Und sie will anderen Erkrankten dabei helfen, das auch zu schaffen. „Ich lebe wieder, bin raus aus dieser dunklen Hölle.“

Es kann jeden Treffen

Die Arbeit des Bündnisses inklusive der Woche der seelischen Gesundheit richtet sich aber nicht nur an Erkrankte. Ziele sind auch Präventionsarbeit und das Schaffen eines Bewusstseins, das vor der Krankheit niemand gefeit ist. Bekannte Sportvereine mit ins Boot zu holen, ist dazu ein bewusst gewählter Schritt. „Psychische Erkrankungen passen oft nicht ins Bild des athletischen, vor Kraft strotzenden Sportlers. Aber die Krankheit kann jeden treffen“, sagt Manuela Thomas, Geschäftsführerin des Sozialen Netzwerks Lausitz, das bei der Woche der seelischen Gesundheit als Partner mit an Bord ist. „Im Fußball ist Robert Enke sicher das bekannteste Beispiel, aber auch im Eishockey gibt es Spieler, die an Depressionen leiden“, weiß auch Dirk Rohrbach. Deswegen sei die Kampagne wichtig, denn statt zu schweigen solle über das Thema gesprochen werden. Ein besonderes Highlight der Kampagne solle das Wochenende vom 13. bis 15. Oktober werden. Dort wartet auf dem Marienplatz in Görlitz ein umfangreiches Bühnen- und Ausstellerangebot auf Besucher. Neben praktischen Vorführungen wird es auch kulturelle Programmpunkte wie die Auftritte verschiedener Musiker geben. Daneben findet ein „Marktplatz der seelischen Gesundheit“ statt. Mehr Infos unter www.aktionswoche.info.

An wen kann ich mich in Weißwasser wenden?

Selbsthilfe-Kontakt-Stelle KISS
Albert-Schweitzer-Ring 32
02943 Weißwasser Öffnungszeiten: Montag bis Freitag
von 9 Uhr bis 16 Uhr Ansprechpartner: Ina Müller Telefon: 03576/218266
Email: ina.mueller@soziales-netzwerk-lausitz.de Betroffene von Suchterkrankungen und seelischen Krisen haben zu ungewöhnlichen Zeiten, vor allem abends, kaum Chancen Hilfe zu bekommen. Die Beratungsstellen sind bereits geschlossen und die Hemmschwelle aus dem Haus zu gehen oftmals groß. Deshalb hat das Soziale Netzwerk Lausitz ein Krisentelefon eingerichtet, das von 18.00 bis 21.00 Uhr zu erreichen ist. Die Nummer lautet: 0176/8388 3356