Birgit Branczeisz

Brenne und bleib cool

Dresden. Eine Bosnische Künstlerin zeigt in der Robotron-Kantine Installationen zu Krieg, Angst und Ressourcen-Zerstörung.

Bilder
Die Kuratoren des Kunsthauses Dresden Christiane Mennicke-Schwarz (li.)  und Robert Thiele (re.) haben die Künstlerin Šejla Kameric in die Mitte genommen –  hinter ihnen Teppiche aus unzähligen herausgetrennten Wäschelabeln.

Die Kuratoren des Kunsthauses Dresden Christiane Mennicke-Schwarz (li.) und Robert Thiele (re.) haben die Künstlerin Šejla Kameric in die Mitte genommen – hinter ihnen Teppiche aus unzähligen herausgetrennten Wäschelabeln.

Foto: B. Branczeisz

Als die bosnische Künstlerin Šejla Kameric an der Ausstellung »Burn by staying cool« (Brenne und bleib cool) arbeitete, hatte sie die eigenen Kriegserlebnisse noch im Herzen und wollte ihren Dialog über die Gewöhnung an existenzielles Leid, Krieg und Gewalt in die Stadt bringen, die auch einmal unfassbares Leid erlebt hat. Dresden. Wie erschreckend aktuell ihre Installationen werden sollten, konnte sie nicht einmal erahnen.

 

Der kühle, marode Beton der Robotron-Kantine lässt den Besucher frösteln. Oder ist es die zarte singende Kinderstimme, die vom Band läuft in diesem nackten Raum, in dem Armeeplanen hängen? »I really don’t care – do u?« ist auf den Tarn-Umhängen zu lesen. »Es ist mir wirklich egal – Dir auch?« Das war der Schriftzug, den Amerikas First-Lady 2018 Melania Trump auf ihrem olivgrünen Parka in einem Lager für mexikanische Flüchtlingskinder trug, die von ihren Eltern unmenschlich getrennt worden waren. Gleich, ob es nun eine versteckte Botschaft an die Medien war, die Donald Trump später behauptete oder wörtlich gemeintes Statement, der Schriftzug ging um die Welt und stand plötzlich für etwas.

 

Schrecken des Krieges

 

Auch die jüngste Arbeit der Bosnierin geht auf die Schrecken des Krieges ein: Zeitungsseiten voller Bilder mit Bombenexplosionen, Bränden, Verwüstungen - ja, das ist wieder schlimm. Der Betrachter blättert weiter, legt die Zeitung weg. Morgen gibt es neue Bilder. Wir kommen nicht mehr hinterher, das Leid dahinter auch nur zu ermessen, geschweige denn zu verarbeiten. »Endloser Sommer« heißt die Installation. Welche Ironie.

 

Doch die Künstlerin beschäftigt sich auch mit unserem gewöhnlichen Alltag. Die Rolle als unbeteiligter Betrachter gönnt sie uns nicht. »The Party is over« (Die Party ist vorbei) zeigt zum Beispiel, wir sind alle Teil eines Systems, das kaputt ist – ob wir wollen oder nicht. Wir verbrauchen zu viel, werfen zu viel weg. Die Künstlerin startete das Projekt 2019 noch vor Corona. Sie kaufte Kleidungsstücke aus »humanitärer Hilfe« an ehemalige Krisenregionen zurück und verteilte sie mit besagter Aufschrift kostenlos in Europa. „The Party is over“ wurde so zum neuen Label für Kleidung, die man mitnehmen kann und mit der jeder eingeladen ist, selbst mit Bildern und Videos in den sozialen Medien an diesem Dialog teilzunehmen.

 

Selten verschmelzen Raum und Objekt derart zu einem Erleben – die verlebte, kühle Robotron-Kantine an der Lingnerallee ist wie gemacht für diese Installationen. Die Macher dieser Inszenierung – neben der Künstlerin die Kuratoren des Kunsthauses Dresden Christiane Mennicke-Schwarz und Robert Thiele haben die Halle mit dieser Ausstellung sozusagen gerade neu eröffnet.

 

Erhalt der Robotron-Kantine?

 

Der jetzige Eigentümer, die Gateway Real Estate, die aus der Lingnerstadt das »Stadtquartier Am Blüherpark« mit gut 1.000 Wohnungen bauen will, verkündete zwar vor gut drei Wochen die traditionsträchtige Robotron-Kantine werde nicht abgerissen. Doch was nun daraus entsteht, bleibt genauso deutlich unklar. Ein Zentrum für zeitgenössische Kunst wäre eine Option.

 

Ausstellungsort Lingnerallee am Skaterpark, Geöffnet von Mittwoch bis Freitag 16 bis 19 Uhr; Samstag und Sonntag 12 bis 19 Uhr; Eintritt frei.

 

www.kunsthausdresden.de