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Heimatland, reck deine Glieder

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. „Heimatland, reck deine Glieder, kühn und beflaggt ist das Jahr! Breit in den Schultern steht wieder Thälmann vor uns, wie er war.“ So begann das Thälmann-Lied. Am 16. April 1886 wurde der spätere KPD-Vorsitzende geboren. Heute ist es schwierig, den Menschen Ernst Thälmann sichtbar zu machen, der zwischen den Beschimpfungen als Gegner der Demokratie und der Heroisierung in der DDR verloren gegangen scheint.

Thälmann war schon von seiner Herkunft zum Arbeiterführer prädestiniert. Als Kind half er in der Kohlenhandlung des Vaters, fuhr später als Heizer zur See, war Hafenarbeiter und Kutscher. Als Artillerist mehrfach verwundet, lernte der junge Thälmann die Schrecken des Ersten Weltkrieges kennen. Der Weg führte den Funktionär der Transportarbeitergewerkschaft zur USPD und von dort zur Kommunistischen Partei. Als Delegierter beim III. Weltkongress 1921 in Moskau begegnete Thälmann zum ersten Mal den Granden der Kommunistischen Internationale. Zwischen den Tagen in Moskau und der Bildung des Thälmannschen ZK liegen der abenteuerliche Hamburger Aufstand und die Kämpfe in Sachsen und Thüringen. Der massen- und gewerkschaftsverbundene Parteifunktionär Ernst Thälmann setze sich in dieser Zeit gegen ultralinke und rechtsopportunistische Kräfte durch. Seit 1925 stand er unangefochten an der Spitze der KPD. Gleichzeitig war er Mitglied des Reichstages und Vorsitzender des Roten Frontkämpferbundes.

Mit der Fürstenenteignung, dem Bauernhilfsprogramm und dem Kampf gegen den Faschismus vertrat die KPD unter der Leitung Thälmanns die Interesse der werktätigen Massen. Das vollständige Einschwenken auf den sowjetischen Kurs und die Sozialfaschismustheorie, nach der es galt, „... den Charakter der SPD als den gemäßigten Flügel des Faschismus und den Zwillingsbruder des Hitlerfaschismus klar zum Bewusstsein zu bringen ...“, waren grundsätzlich falsch. Anders als andere  kommunistische Führer, die bei aller Solidarität mit der Sowjetunion eine gewisse kritische Distanz zum zunehmend repressiven Herrschaftssystem Stalins einnahmen, stand Thälmann dieser Entwicklung völlig unkritisch gegenüber. Seine untadelige, konsequente Haltung während der elfjährigen Einzelhaft zeigen jedoch die Charakterfestigkeit des KPD-Vorsitzenden. Seine Ermordung auf unmittelbaren Befehl Hitlers war ein Zeichen dafür, wie ernst die nationalsozialistische Clique den Einfluss des inhaftierten Thälmann nahm.

Der Arbeiterführer gehörte zu jenen Frauen und Männern, die in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus die Ehre des deutschen Volkes retteten. Es hat keinen Aufstand der Deutschen gegen das verbrecherische Regime gegeben, auch keinen der Arbeiterklasse. Um so wichtiger waren Persönlichkeiten wie Thälmann und Moltke, Organisationen wie das Nationalkomitee Freies Deutschland oder die Edelweißpiraten.

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR entwickelte sich der Mythos um den Antifaschismus und seine Hauptfigur jedoch fast zu einer Ersatzreligion. Für die Existenz des jungen Staates war eine Rechtfertigung erforderlich, die über den Sieg der Sowjetunion und das Potsdamer Abkommen hinausging. Diese Rechtfertigung bestand in dem Gründungsmythos, dass die DDR ihre Existenz dem antifaschistischen Widerstandskampf mit dem Hauptakteur Ernst Thälmann verdanke und nicht nur „... ein Gebilde von Moskaus Gnaden ...“ war. Im Gefolge entwickelte sich ein Thälmann-Kult, der so gar nicht zu dem eher bescheidenen Arbeiterfunktionär passte. Das Schwermaschinenkombinat, die Pionierorganisation und die Offiziershochschule erhielten den Namen Ernst Thälmann, kein Ort ohne eine Thälmann-Straße, dazu unzählige Denkmäler, Lesebuchgeschichten und Kinderlieder. Die zwei Teile des Thälmann-Films mit Günther Simon in der Hauptrolle sahen Millionen. In Cottbus trugen Jugendbrigaden, die 13. Polytechnische Oberschule in Sandow und natürlich der zentrale Platz der Stadt Thälmanns Namen.

Mit Straßenumbenennungen sind die Cottbuser nach der Wende verantwortungsbewusst umgegangen. Die Gründer der KPD sind noch präsent. Das sich die Stadtverordnetenversammlung in der Mitte von Cottbus für einen Namen entschied, der die Identität mit dem wieder gegründeten Land herstellte, wurde von der Mehrheit der Bürger akzeptiert.

In Cottbus selbst war der KPD-Vorsitzende am 29. Januar 1928 anlässlich eines Lausitz-Treffens des Roten Frontkämpferbundes. Er führte eine Demonstration in der heutigen Willy-Brandt-Straße an und sprach anschließend im Konzerthaus Altmann (heute Stadtpromenade). Ein Teilnehmer erinnerte sich: „Der größte Saal von Cottbus war überfüllt, ebenso der anschließende kleine. Ja, die Menschen standen sogar auf dem Korridor, in den Gängen, in der Gaststube und vor dem Lokal und hörten die mahnenden Worte Ernst Thälmanns. Vier Stunden(!) sprach er, und die Cottbuser Arbeiter wichen und wankten nicht. Mit stürmischem Beifall wurde Ernst Thälmann dann verabschiedet.  Für uns alle war das damals ein bleibendes Erlebnis ...“

Was aber würde Thälmann in der Gegenwart zu jenen Cottbusern sagen, die sich heute auf ihn berufen? Den Friedensdemonstranten vom Stadthallenvorplatz würde er sicher Mut machen und sich bei den Flüchtlingshelfer einreihen. Denjenigen, die pseudorevolutionäre Sprüche auf frisch gestrichene Hauswände sprühen, gäbe der hemdsärmelige Arbeiterführer wohl „Eins hinter die Löffel“.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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