Gundermann und Walde -Der Kongress der Unterhaltungskünstler

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Schon nach dem Sturz Erich Honeckers, als im Zentralkomitee über das Schicksal weiterer Politbü­romitglieder beraten wurde, fragte Hartmut König („Sag mir, wo Du stehst!“), damals stellvertre­tender Kulturminister, den Cottbuser Noch-Bezirkschef Werner Walde: „Was (hat) die Bezirksparteileitung nur geritten, eine bis zur polizeili­chen Festsetzung reichenden Verfol­gung gegen Gundi Gundermann zu inszenieren?“ Waldes Antwort laut der Autobiografie des Ex-Oktober­club-Sängers: „Weißt Du, Hartmut, in Kulturdingen habe ich viel Mist gebaut.“ Da hatte der Mann recht. Der Umgang mit dem Liedermacher aus Spreetal war symptomatisch für die Kulturpolitik im Bezirk Cottbus, kündet jedoch gleichzeitig davon, wie sehr sich die Freiräume für Künst­ler seit Glasnost und Perestroika auch in der DDR erweitert hatten. Was war zwischen dem mächtigen Bezirksparteisekretär und dem Bag­gerfahrer vorgefallen?

Gundermann und die Brigade Feuerstein brachten das Lebensgefühl der Men­schen im Lausitzer Revier ungeschönt auf die Bühne. In seinem Lied über Hoyers­werda, das 1988 als Platte erschien, hieß es klar: „Hoy Woy / Deine grauen Kinder werden groß / Werden grün oder blau oder gar rot / Eins musste ins gelbe Elend einziehn / Eins sitzt oben im goldenen Berlin / Ham se uns überall rausgeschmissen / Ham wirs mit der ganzen Welt verschissen / Finden wir Schutz in deinem Beton / Und trainieren für die Revolution in / Hoy Woy.“

Der Kongress der Unterhaltungskünstler in Berlin

Von der SED-Bezirksleitung wurde er daraufhin in Acht und Bann getan. Mutigere Kulturfunktionäre ermög­lichten dem Liedermacher jedoch nicht nur eine Teilnahme, sondern sogar ein Auftreten auf dem Kon­gress der Unterhaltungskünstler in Berlin am 1. und 2. März 1989, vor 30 Jahren, in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz.

Dort war von der Unterhaltungs­kunst als Teil der sozialistischen Nationalkultur die Rede. Im Präsi­dium saß der greise Kurt Hager. Die Lausitzer Rundschau brachte Aus­züge von den Diskussionsbeiträgen. Heinz Quermann versprach, auch zum 40. DDR-Geburtstag „Freude und Frohsinn zu verbreiten“. Von Gundi Gundermanns Diskussionsbei­trag lesen die Lausitzer nur eine arg gekürzte Version. Dieser hatte näm­lich nicht vor, „Freude und Frohsinn zu verbreiten“, sondern sagte klar: „Ich kann also den sozialen Auftrag, Wohlbefinden zu erzeugen, für mich nicht annehmen. Ich glaube, dass un­sere Aufgabe vielleicht darin besteht, die Entwicklung unserer Leute von Arbeitskräften zu produzierenden Subjekten zu befördern. Es geht nicht um einfache Reproduktion der tagsüber verschlissenen Arbeitskraft. Es geht um Zuwachs an Fantasie, Weitsicht, Mut, Zärtlichkeit, Aggres­sivität, Streitlust, Vertrauen, Kon­fliktfähigkeit, Ausdauer ...“ Das fand der „senile, aber nicht ganz dumme“ Hager „ungeheuerlich“. Aber es hielt den wackeren Wächter über die DDR-Kultur nicht ab, in der Pause das Gespräch mit dem Sänger zu suchen. Davon entstand ein Pressefoto, das nun wieder Werner Walde ungeheu­erlich fand. Da wird der „feindlich-negative“ Liedermacher durch ein Politbüromitglied aufgewertet! Uner­hört. Walde beschwerte sich bei Erich Honecker über diesen Affront. Aber in Berlin hatte man in diesen Früh­lingstagen schon andere Sorgen.

Aus dem Hinterhalt mit Knüppeln

Natürlich fand Gundermanns Re­debeitrag keinen Eingang in die Abschlusserklärung des Kongresses. Wir sind im März 1989. Noch schrei­ben die Unterhaltungskünstler brav an den Generalsekretär: „Die SED hat uns mit ihren politischen Ziel­setzungen in Vorbereitung ihres XII. Parteitages dafür den Kompass gege­ben. Wir sind voll Zuversicht, in ihr auch künftig einen verständnisvollen und fördernden Ratgeber zu wissen. Es ist uns ein tiefes Bedürfnis ...“ Und so weiter. Aber Gundermanns Lieder waren da und wenn er sang: „Als wir endlich alt genug warn, / stopften wir sie in den schrank / die allzuoft geflickten flügel / und gott sagte gott sei dank / und nachts macht diese stadt über uns die lu­ken dicht / und wer den kopf zu weit oben hat / der findt seine ruhe nicht“, dann konnte Walde sich 1989 nur noch über ihn beschweren, aber nicht mehr einsperren.

Gundermann hatte sich in seinem Diskussionsbeitrag bei denen be­dankt, „die aus dem Hinterhalt mit Knüppeln geworfen haben, weil, ich bin dadurch im Training, im Wie­deraufstehen.“ Vor den Knüppeln verloren die Menschen im Verlauf des Jahres 1989 die Angst. Von den Cottbuser Bands, von der Marie 23 und von den allzu lange verehrten al­ten Männer erzählen wir im nächsten Beitrag.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

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