Gundermann – Die Resolution der Rockmusiker und Liedermacher

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Anfang März 1989 tagte in Berlin der Kongress der DDR-Unterhaltungskünstler. Die Cottbuser Delegierten wurden mit der „Show 89“ im Haus der Nationalen Volksarmee verabschiedet. Dort traten die Gruppe G.E.S., Achim Menzel, Günter Geißler, das Duo Voyage und Nicky Burg auf. Beim Kongress selbst sprach Gerhard Gundermann. Der Liedermacher war auf die Rednerliste gekommen, obwohl er zuvor wegen der Textzeile „Hoy Woy, deine grauen Kinder wer­den groß“ mit der Bezirksleitung der SED aneinandergeraten war.

Gundermann stand mit seinen kritischen Texten nicht allein da. Auch in Cottbus hatte sich Ende der Achtzigerjahre eine beachtliche alter­native Szene gebildet: Bluesfans, die Jazzwerkstatt Peitz und zahlreiche so­genannte Bands. Nicht vergessen darf man Hans Scheuerecker, die Aktionen im Jugendclub Südstadt und die Grün­dung der „Marie 23“, einem unab­hängigen Kunststandort. In Schulen und Betrieben protestierten junge Menschen gegen die hohl geworde­nen Ideale und das Disziplin-Regime des Staates.

WK 13, Sandow und Pankow

Augenzeugen berichten: Wenn die Cottbuser Gruppen WK 13 und Sandow auftraten, dann „wimmelte es in den Jugendclub­häusern von Sicherheit.“ Sandow hat­te bei der DEFA-Produktion „flüstern & SCHREIEN – Ein Rockreport“ mit­gewirkt. Der Film gab realistische Ein­blicke in die Untergrund-Musikszene der DDR. Mit „Born in the G.D.R“ gelang der Gruppe Sandow ein wich­tiger Politsong. Die Textstelle: „Wir bauen auf und tapezieren nicht mit“ war unmissverständlich gegen die Re­formverweigerer im Politbüro gerich­tet. Noch deutlicher wurde ebenfalls im Jahr 1988 die Gruppe Pankow mit dem Lied „Langeweile“. „Dasselbe Land zu lange geseh‘n / dieselbe Sprache zu lange gehört / zu lange ge­wartet, zu lange gehofft / zu lange die alten Männer verehrt“. Das war ja nun wirklich ein starkes Stück.

Auf dem 7. Plenum des ZK drohte einer der „al­ten Männer“ den Musikern, aber auch den Kultur- und Rundfunkverantwort­lichen, die zuließen, dass solche Texte ins Radio kamen. ZK-Mitglied Hans Albrecht sprach Anfang Dezember 1988 von der tiefen Empörung der DDR-Bürger über den Auftritt „einer Gruppe Pankow, (die) in einer Sen­dung des Fernsehregionalprogramms der BRD auftrat und behauptete, in der DDR könne sie nur singen, wenn das Kulturministerium es gestatte, und sich mit einem Song gegen die Männer unserer Partei produzieren konnte ... Wir geben keinen Raum antikommunistischer Hetze ... Von Uneinsichtigen in der Partei trennen wir uns.“ Das waren Sätze, die einige Jahre zuvor das Ende der Band bedeu­tet hätten. Die Kulturverantwortlichen wären ins Archiv versetzt worden. Aber nichts dergleichen geschah.

Die Resolution der Rockmusiker und Liedermacher

Nur sechs Monate nachdem die DDR-Unterhaltungskünstler von ihrem Kongress noch einmal eine Erge­benheitsadresse an Erich Honecker geschickt hatten, waren es am 18. September 1989 die Rockmusiker und Liedermacher, die die Stimmung im Lande als erste wahrnehmbar für die Öffentlichkeit formulierten. Auf Einladung von Toni Krahl (City) und in Abstimmung mit Bärbel Bohley meldeten sich die Musiker mit einem Mut machenden Text.

In der Resolu­tion hieß es: „Wir, die Unterzeichner dieses Schreibens, sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unse­res Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftli­chen Alternative und über die uner­trägliche Ignoranz der Staats- und Parteiführung, die vorhandene Wider­sprüche bagatellisiert und an einem starren Kurs festhält… Dieses unser Land muss endlich lernen, mit anders­denkenden Menschen umzugehen, vor allem dann, wenn sie vielleicht gar keine Minderheiten sind.“ Ganze sechs Wochen später zeigten fast eine halbe Million DDR-Bürger auf der Ale­xanderplatz-Demo, was die Mehrheit in diesem Land erwartet.

Noch einmal Gundi Gundermann

Doch kommen wir noch einmal auf den Liedermacher Gundermann zu­rück. Ihn zu charakterisieren, haben viele versucht. Ja, er hat eine Ver­pflichtung als IM unterschrieben, aber er hat sie auch aufgekündigt und sich bewusst mit der Staatsmacht ange­legt. Alles, was dazu zu sagen ist, hat er selbst gesagt: „Ich sehe mich nicht als Opfer und auch nicht als Täter. Ich habe mich mit der DDR eingelassen – mit wem sonst? – und ich habe aus­geteilt und eingesteckt. Und ich habe gelernt. Deswegen bin ich auf der Welt.“ Oder in dem Text „Hier bin ich gebor’n“: „Hier hab ich meine Leichen im Keller, / die spielen Mensch ärger dich nicht ...“

Gundermann war die Stimme des Reviers. Was würde er heute zum Kohle-Aus sagen? Der Bergmann war sich klar: „Das Haus in dem ich woh­ne, wird mit der Kohle, die ich fördere, mit Energie versorgt. Gleichzeitig baggere ich unerbittlich auf das Haus zu, habe also 2003 kein Haus mehr.“ Dass aber das Schicksal der Lausitz nicht von den Lausitzern selbst ent­schieden wird, sondern von Kommis­sionen aus Berlin und von zugereisten Baggerbesetzern, dass hätte ihn wohl erneut auf die Palme gebracht. Gundermann hatte es 1997 schon ein­mal erlebt, als sein Tagebau schloss: „Abschied geht einfach, ich geb nur den Helm ab, nehm das Handtuch, die Stiefel und vom Spind das Schloss.“

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