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Die Eisenbahn, die Welt und ein Brief des Fürsten Pückler

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten.  Einer der am häufigsten verwendeten Begriffe in unserer Zeit ist die Globalisierung. Er wird zwar erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts gebraucht. Der Inhalt jedoch, die internationale Verflechtung in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt und Kommunikation, ist so neu nicht. Heute sind die internationalen Verbindungen durch Internet, Satelliten und IT-Technik beschleunigt und verfeinert.

Angefangen aber hat alles mit dem Sturmlauf der Eisenbahn. Die großen Globalisierungsprozesse, die schnelle Nachrichtenübertragung, die Möglichkeit, Menschen und Güter rasch an jeden Punkt der Erde zu befördern und die gewaltigen Migrationsströme, entwickelten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das alles traf auf die Stadt Cottbus zu. Nach dem Eisenbahnanschluss begann ein beispielloser Aufschwung.

Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man vom Staatsbahnhof Cottbus aus nach Lissabon, Peking oder Bagdad reisen. Die Cottbuser Tuche gingen über alle Meere. Oberbürgermeister Paul Werner studierte in den USA die dortige Wirtschaftsförderung. Und, nicht zu vergessen: Tausende Niederlausitzer machten sich auf den Weg in die Welt. Sie suchten in Amerika, Russland und Australien eine neue Heimat. Andere kamen und wurden Cottbuser.

Gab es bei all den Veränderungen und Neuerungen keinen Widerstand? Bildeten sich gegen Eisenbahn, Stromnetz und Gasbeleuchtung keine Bürgerinitiativen, protestierten Wutbürger? Im „Cottbuser Anzeiger“ finden wir davon nichts!

Allerdings gab es eine Ausnahme. Als sich die Cottbuser Eisenbahnpläne konkretisierten, wurde auch Hermann von Pückler mit dem Thema konfrontiert. Der Fürst stand dem Fortschritt sehr offen gegenüber. Für einen Reiseschriftsteller war die rasche Überwindung großer Distanzen ja von Bedeutung. Schon 1816 sah Pückler Berlin und Potsdam von oben, als er eine Ballonfahrt unternahm. Danach war er zu Pferde und mit dem Segelschiff um die halbe Welt gereist. Seine erste Eisenbahnfahrt unternahm Pückler 1841. Seinem Tagebuch vertraute er an: „Es freut mich, einen solchen Fortschritt des civilisirten Comfort noch erlebt zu haben.“

Deshalb nahm der Cottbuser Ehrenbürger sicherlich die Ankündigungen für den Eisenbahnanschluss von Cottbus mit Wohlwollen auf. Als er allerdings 1864 von der geplanten Streckenführung hörte, verging ihm das Lachen. Die vom König genehmigte Planung für die Eisenbahnlinie Berlin-Cottbus-Görlitz führte mitten durch seinen Park.

Groß war der Zorn Pücklers, als Ingenieure der englischen Eisenbahngesellschaft, die mit Vermessungsarbeiten für die Bahntrasse beauftragt waren, in seinem Gartenkunstwerk auftauchten. Aber wir wissen ja, dass die Bahnlinie heute am Park vorbeiführt. Pückler wäre nicht Pückler, wenn er nicht seine Beziehungen nach Potsdam gehabt hätte. Also schrieb er dem König: „Euer Majestät werden mir verzeihen, wenn ich mich in meiner großen Not, in die mich das calamitruse Projekt – ohne alles wahre Bedürfniß durch meinen Park die Bahn zu führen – versetzt, direkt an Eure Königliche Majestät wenden muß; denn von Allerhöchst dero Einschreiten darf ich allein sichere Hülfe erwarten.

Eine Schaar fremder Arbeiter …hat, ohne sich nur bei mir zu melden, angefangen, wie auf ihrem Eigenthum, Linien abzustecken, dabei sogar zu größerer Bequemlichkeit Bäume zu fällen, und nur durch meine persönliche Dazwischenkunft habe ich den Ingenieur vermocht hiermit aufzuhören ... Ich rufe daher für mich, wie, ich darf wohl sagen, im Interesse der ganzen Provinz, Euer Majestät Mitleid an, mich durch gnädige Einschreitung von einer so herben Calamität zu befreien, was ja doch nur von Euer Majestät ausgesprochnen Willen abhängt. Hat sich in den höchsten Dingen ganz Europa vor diesem energischen Willen gebeugt, so wird eine arrogante englische Eisenbahndirektion, sich doch wohl nicht unterstehen dürfen, auch nur einem Wunsche Euer Majestät einen Augenblick ihre Zustimmung zu versagen.“

Wir Heutigen wissen, wie mit Petitionen aus der Provinz in Potsdam umgegangen wird. Nicht so 1864! König Wilhelm I. hatte ein Herz für die Kulturschätze in der Niederlausitz und die Befindlichkeiten der Menschen. Er legte fest, dass der Branitzer Park nicht angetastet und die Bahn an ihm vorbeigeführt wird.

Vergleichbare Briefe an den König, respektive an die gegenwärtigen Obrigkeiten in der Landeshauptstadt, haben bei einem der heutigen „calamitrusen Projekte“, der Einkreisung der Stadt Cottbus, bisher nicht ein solch positives Ergebnis.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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