Der Lehrer Heinz Kluge wird Cottbuser Oberbürgermeister

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 60 Jahren -

Im September 1958, vor 60 Jahren, wählte die Stadtver­ordnetenversammlung Heinz Kluge zum Cottbuser Oberbür­germeister. In seine Amtszeit fällt die Gestaltung des Stadtzentrums, also der Aufbau der Punkthochhäuser, der Wohnscheibe in der Stadtpromena­de und des Sternchens. Kluge war Leh­rer von Beruf. Er hat das Bild der Stadt entscheidend mit gestaltet.

Stellen wir aber zuerst die Fragen: Wie wurde man in Cottbus Oberbür­germeister? Und wie verlor man diesen Job wieder? Die positiven Seiten der Kommunalpolitik haben in unserer Stadt auch mit recht langen Amtszeiten der Stadtoberhäupter zu tun. Unange­fochtener Spitzenreiter mit 22 Jahren ist Paul Werner (1892 - 1914). Es fol­gen Heinz Kluge mit 16 Jahren (1958 - 1974) und Erhard Müller mit 15 Jahren (1974 - 1989). Früher wurden die Ober­bürgermeister auf der Grundlage der »Städteordnung für die sechs östlichen Provinzen der Preußischen Monar­chie« aus dem Jahr 1853 gewählt. Dort bestimmte der § 31 „Die Beigeordne­ten und Schöffen (§ 29) werden auf sechs Jahre, der Bürgermeister und die übrigen besoldeten Magistrats-Mitglieder dage­gen auf zwölf Jahre von der Stadtverordneten-Versamm­lung gewählt.“ Allerdings galt nach § 33, dass die Bestätigung der Wahl »... hinsichtlich der Bür­germeister und Beigeordneten in Städten von mehr als 10 000 Einwoh­nern dem König ...« zusteht. In der Zeit der Nazi-Diktatur bestimmten nicht frei gewählte Abgeordnete die NS-Bürger­meister Haltenhoff und Baselli.

Nach 1945

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der frühen DDR bestanden Res­te von kommunaler Selbstverwaltung. Nach den Wahlen von 1950 gab es in Cottbus eine Mehrheit von LDPD und CDU. Gegen den Willen der SED-Führung wurde Hans Bertram zum OB gewählt. Später dann stimmten die Cottbuser Stadtverordneten den Kandi­daten zu, die ihnen präsentiert wurden. Bei den ersten freien Wahlen nach der politischen Wende entschieden eben­falls noch die Stadtverordneten über den Hauptverwaltungsbeamten. Bei den OB-Direktwahlen 1993/94 setzte sich Amtsinhaber Waldemar Klein­schmidt in der Stichwahl gegen Kerstin Bednarsky durch.

Und wie gingen die Oberbürger­meister? Paul Werner legten seine Abgeordneten nach 22 erfolgreichen Jahren den Rücktritt nahe. Erich Kreutz drängten die Nazis aus dem Amt. Mitte der Fünfziger gab es allzu freche Kar­nevalssprüche. Das beendete zuerst den Karneval und dann die Amtszeit von Margarete Schahn. Ähnlich das Ende von Herbert Bomski 1958. Nach der Flucht von fünf Mitarbeitern der Stadtverwaltung in die Bundesrepublik wurde ihm Liberalismus und Gleichgül­tigkeit vorgeworfen.

Waldemar Kleinschmidt trat nach zwölf erfolgreichen Jahren nicht mehr zur Wahl an. Karin Rätzel wurde abgewählt und Frank Szy­manski nicht wieder gewählt.Heinz Kluge erwähnt in seinen Erinnerungen ein Gesprächsproto­koll, in dem festgelegt wurde: „Im Mai 1974 bei den Wahlen zu den örtlichen Volksvertretungen nicht mehr (zu) kandidieren.“ Dafür wird der Gesundheitszustand als Grund genannt. Seine Aufzeichnungen machen es auch denkbar, dass ihm die Wendungen zu Beginn der Ho­necker-Ära schwer gefallen sind und er sich nur zögernd von seinem verehrten Vorbild Ulbricht trennen konnte.

Konsument und Planetarium

Wie auch immer: In Kluges Zeit als Chef des Rates gab es eine rasante Entwicklung der Bezirksstadt. Das Neubaugebiet Sandow im Osten nahm Gestalt an. Die Ingenieurhochschule für Bauwesen, die als Keimzelle der Bran­denburgischen Technischen Universität gilt, entstand. Das Konsument-Waren­haus öffnete. Die Begründung einer der ältesten Städtepartnerschaften, die zwischen unserer Stadt und dem französischen Montreuil, trägt seine Unterschrift und ist auch nach mehr als einem halben Jahrhundert sehr lebendig. Besonders eng ist der Name Kluge mit dem Raumflugplanetarium verbunden. Hier schuf er ein Cottbuser Alleinstellungsmerkmal. Während der 16 Jahre seiner Amtszeit wuchs die Einwohnerzahl um 30 000. Das wäre heute eine Sensation.

Heinz Kluge blieb seinen sozialisti­schen Ideen treu. Er distanzierte sich nie von seinem Wirken als Oberbür­germeister und später als Direktor der Medizinischen Fachschule. Einige ganz entscheidende Schwächen der DDR-Wirklichkeit be­schreibt er jedoch deutlich: "In der Praxis gab es oft eine Art Doppelherrschaft und die Partei redete in Details hinein und verzettelte sich dabei … Es gab auch Forma­lismus und Schematismus bei der Übernahme und An­wendung sowjetischer Erfahrungen." Kluge war eine ehrliche Haut. Der ehe­malige OB starb 2014 kurz vor seinem 90. Geburtstag.

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