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Antifaschistischer Schutzwall oder Todesstreifen

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. Kaum eine andere Aktion ist unter so strenger Geheimhaltung vorbereitet worden, wie die Grenzschließung am 13. August 1961. In der Woche vor dem einschneidenden Ereignis sind die DDR-Zeitungen voll mit Berichten über den zweiten sowjetischen Kosmonauten. Die Lausitzer Rundschau titelte am 7. August: „Genosse Titow steuert Wostok II seit gestern um die Erde“. Aber schon an zweiter Stelle stehen Berichte über Menschenhandel, Republikflucht und „Kopfjäger“.

Tatsächlich hatte die Fluchtwelle aus der DDR im Sommer 1961 auch in Cottbus einen neuen Höhepunkt erreicht. Man wusste eigentlich nie genau, ob der Arzt, der Lehrer oder Ingenieur am nächsten Tag noch an seinem Arbeitsplatz war. Das Wirtschaftswunderland mit seinem bunten Schaufenster Westberlin entfaltete große Anziehungskraft. Durch pausenlose Propaganda wurde diese Sogwirkung von westlicher Seite verstärkt.

Die DDR wehrte sich mit einer Medienkampagne, die sich gegen „kriminellen Menschenhandel“ richtete. In der Niederlausitz ging es dabei besonders um den Fall Peter B. aus Dissen. Die Großmutter des Dreijährigen hatte sich mit dem Kind nach Westberlin abgesetzt. Die Cottbuser Tageszeitung berichtete fast täglich von Protestresolutionen aus Betrieben und kritisierte scharf alle Versuche, die Entführung durch die „… abgefeimte Kindesräuberin Anna K.“ als Familienstreit darzustellen. Dazu kamen drastische Schilderungen der „trostlosen Zustände“ in den Flüchtlingslagern für ehemalige DDR-Bürger. „Wer in die Westzonen fährt, erleichtert Kopfjägern das Handwerk.“

Aber damit ließ sich die Fluchtwelle augenscheinlich nicht stoppen. Hauptgrund dafür waren sicherlich die wirtschaftlichen Probleme. Die DDR hatte 97 Prozent der Gesamtreparationen an die Siegermächte zu erbringen, insgesamt 99,1 Milliarden DM, gegenüber 2,1 Milliarden aus Westdeutschland. Zusätzlich erschwerte die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft die Situation. Vergessen darf man auch nicht die überstürzte Einführung der Zehnklassigen Oberschule, die mit dem Wegfall fast zweier kompletter Jahrgänge die Arbeitskräftesituation verschärfte. Summa summarum: Es stand nicht gut mit der Wirtschaft der DDR. Und auch die Cottbuser spürten Anfang August, dass etwas in der Luft lag.

Der 13. August war ein Sonntag. Die ersten Nachrichten am Abend waren noch recht unklar. Auch die Meldungen in der LR am nächsten Tag ließen noch nicht vollständig erkennen, dass sich die Situation in Deutschland grundlegend geändert hatte. Veröffentlicht wurden die „Erklärung der Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten“ und der „Beschluss des Ministerrats der DDR“. Erst die „Bekanntmachung des Ministeriums des Innern“ wurde konkreter: „Bürger der DDR einschließlich der Bürger der Hauptstadt der DDR benötigen für den Besuch von Westberlin eine Genehmigung des zuständigen Volkspolizeikreisamtes...“ Die Grenze war zu und wurde in den folgenden 28 Jahren immer weiter perfektioniert.

Vom ersten Tag an und auch 27 Jahre nach dem Fall der Mauer in Berlin und an der „Grünen Grenze“ stand und steht sie im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Bürgerrechtler, westliche Politiker und die internationale Öffentlichkeit kritisierten das monströse Bauwerk völlig zu recht. Etwas zu kurz kommt dabei nur die Tatsache, dass die westliche Seite nichts ausgelassen hat, um die DDR-Führung zu diesem Schritt zu bewegen. Und die Verteidiger der Mauer behaupten bis heute, dass es doch viele vergleichbare Grenzanlagen, einschließlich Schusswaffengebrauch, gibt. Dabei übersehen sie geflissentlich, dass die Grenzen in den USA, Israel oder den spanischen Enklaven gegen das Eindringen von außen gebaut sind. Die Bürger der DDR spürten schnell, dass diese Mauer, auch in ihrer technischen Konstruktion, dafür geschaffen war, die Menschen am Verlassen ihres Staates zu hindern.

Der Erklärung Walter Ulbrichts, dass „… Stacheldraht zweifellos gut und notwendig ist als Schutz gegen diejenigen, die die DDR überfallen wollen“, wurde nicht geglaubt.
An dieser Erkenntnis konnte die folgende Kampagne in der Cottbuser Tageszeitung nichts ändern: „Unsere Kinder sind jetzt nicht nur sicher vor Menschenräubern, sie sind auch sicher vor Schundliteratur, vor verderblichen Frontstadteinflüssen“, „Jauchegrube fest zu gedeckt“, „Kalte Dusche für Kriegstreiber“. Der Mauerbau war das entscheidende Ereignis in der Geschichte der DDR. Ob bei historischen Analysen, Festreden oder beim Rückblick im vertraulichen Familienkreis: Das Grenzregime bleibt leider die eindringlichste Erinnerung an den untergegangenen Staat.

Während der gesamten 28 Jahre der Existenz der Mauer stand sie zwischen den Bürgern und der Führung als Symbol des gegenseitigen Misstrauens. Eine Identifizierung der Mehrheit der Menschen mit diesem Staat entwickelte sich nicht. Die DDR konnte noch so viele Fackelzüge organisieren, Olympiasiege feiern oder Kosmonauten ins Weltall schicken: Der Stolz, Bürger dieses eingemauerten Landes zu sein, war auf einen sehr überschaubaren Kreis reduziert. Ein wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl der Ostdeutschen entstand.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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