1989 – Wahlfälschung, Tränen, Demonstrationen und die Wende

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Mit „Bergleute nutzen verstärkt Schlüsseltech­nologien“ war der Beitrag über den Besuch Werner Waldes bei den Bergarbeitern am Neujahrstag 1989 im Tagebau Welzow-Süd überschrieben. Gemeldet wurde ein „Kontinuierlicher Kohle­strom vom Tagebau zum Kraftwerk“. Und als Gegensatz: „Weiterer Sozi­alabbau in der BRD“. Beim zweiten Wettkampf der Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen belegte Jens Weißflog den 2. Platz. Die Jour­nalisten schwärmten aus und suchten Geschichten, die eine fleißige und zufriedene DDR-Bevölkerung bzw. die kapitalistische Ausbeutung im Wes­ten zeigten.

Solche journalistischen Praktiken sind uns heute ja auch nicht gänzlich unbekannt.

Das DDR-System war allerdings zum Jahreswechsel 88/89 schon an­geschlagen. In der Abteilung Inneres beim Rat der Stadt wuchs der Stapel der Ausreiseanträge. Das Sputnikver­bot stieß auch innerhalb der SED auf Unverständnis. Schon seit 1987 gab es die Umweltgruppe Cottbus unter der Leitung von Peter Model. Die drei Sektionen Frieden, Gerechtigkeit und Ökologie diskutierten noch unter dem Dach der Kirche. Diese Gruppe wurde von der Staatssicherheit als die „gefähr­lichste“ Kraft im Bezirk Cottbus eingeschätzt. Aber auch Perestroika-Stücke im Theater, Ausstellungen in der „Marie“ und Texte der Gruppe Sandow wühlten die Menschen auf.

Demo in Cottbus

Im Mai wies auch die Cottbuser Um­weltgruppe nach, dass die Ergebnisse der Kommunalwahlen hier gefälscht waren. Das sogenannte „Zettelfalten“ war anachronistisch geworden ange­sichts der Tatsache, dass in Polen und in der Sowjetunion inzwischen Wah­len mit alternativen Kandidaten statt­fanden. Sollte das der „Sozialismus in den Farben der DDR“ sein? Erschro­cken schauten die Menschen auch auf China, wo rebellierende Studenten in Peking den Aufstand probten? Schon damals mischten westliche Geheim­dienste mit, wenn „regime change“ angesagt war. Aber das Beenden eines Protestes mit Panzern konnte man den DDR-Bürgern nur schwer als Verteidigung des Friedens nahe­bringen.

So wuchs dann im Sommer auch in Cottbus die Ausreisewelle an und begann, sich auf das Leben in der Bezirksstadt auszuwirken. Im Krankenhaus entstanden Personal­engpässe. Auch Cottbuser flohen in die westdeutschen diplomatischen Vertretungen in Berlin, Prag und Warschau. Die parteiamtliche Mittei­lung, dass man denen keine „Träne nachweinen“ wolle, rief starken Wi­derspruch hervor. Und im Frühherbst verließen anderswo mutige Menschen die Kirchenräume und trugen den Protest auf die Straße. Aber trotz der rasch anwachsenden Zahl der De­monstranten in Leipzig, Dresden, Plauen und Neubrandenburg blieb es in Cottbus zunächst still. Ja, es gab sogar das Gerücht, dass Cottbu­sern an Leipziger Tankstellen das Benzin verweigert worden wäre, weil es hier noch keine ordentliche Demo gegeben hätte. Am 30. Ok­tober war es dann soweit. Anstatt artig zu „Dialogveranstaltungen“ zu gehen und kontrolliert zu disku­tieren, trafen sich weit über 20 000 Niederlausitzer vor dem Theater.

Mit den Worten von Cornelia Jahr „Viele Cottbuser haben auf diesen Tag gewartet!“ begann die Wende in der Stadt. Die Verspätung holten die Bür­gerinnen und Bürger dann rasch auf. Innerhalb eines Monats trat fast alles zurück, was zurücktreten konnte.

Die Stunde von Waldemar Kleinschmidt

Die Überreste des alten Machtappa­rates präsentierten den Cottbusern dann einen neuen OB-Kandidaten. Aber nun war auch die Stadtverord­netenversammlung mutig geworden. In einer volksversammlungsartigen Sitzung am 13. Dezember bestimmten Abgeordnete, Ratsmitglieder und Gäs­te Waldemar Kleinschmidt als neuen amtierenden Oberbürgermeister. Nach der anfänglichen Verspätung hatte Cottbus nun als erste Stadt des Os­tens ein nicht von der SED bestimm­tes Oberhaupt. Das erfuhren wenige Tage später die Fernsehzuschauer in Österreich, der Schweiz und in beiden deutschen Staaten, als Karl Moik in der Cottbuser Stadthalle den „Musi­kantenstadl“ mit der Vorstellung des neuen Oberbürgermeisters begann.

Noch im Dezember trat der Runde Tisch zusammen. Gemeinsam mit dem Generalsuperintendenten Rein­hart Richter moderierte Waldemar Kleinschmidt dieses demokratische Gremium. Alte und neue Parteien, Bürgerbewegun­gen und neue Gesichter wie Werner Labsch und Wolfgang Bialas stellten in Cottbus die Weichen für den Start in die kommunale Selbstverwaltung und die Vorbereitung gleicher und geheimer Wahlen.

Über die Ereignisse des wohl spannendsten Cottbuser Jahres soll an dieser Stelle in den nächsten Monaten noch häufiger die Rede sein.

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Pulver der Königin – einst gepriesen, heute verpönt

Doberlug-Kirchhain. Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen und Vergehen des Tabakrauchs« ein sozialgeschichtliches Phänomen der Menschheit in die Museumsräume gebracht. Natürlich musste die Ausstellung wegen der Corona-Auflagen ohne offizielle Eröffnung vor einigen Wochen starten. Bis zum Ausstellungsschluss erhofft sich der Museumschef entsprechend der jeweiligen Zugangsregelung interessierte Besucher. Verliebt in Rauchverzehrer Seit geraumer Zeit treibt den Nichtraucher Andreas Hanslok die Idee für diese Ausstellung um. Mit dem Doberluger Sammler Frank Mende, ebenfalls passionierter Nichtraucher, hat er einen engagierten Partner bei der Gestaltung dieser Schau gefunden. Frank Mende ist glücklich, dass er durch die Ausstellung seine Sammlungsbestände, die bei ihm zu Hause zumeist in Schränken, Kisten und Schachteln aufbewahrt sind, für Besucher präsentieren konnte. »Ich habe meine Sammlungsgegenstände hier neu kennengelernt.« Das betrifft vor allem die vielen so genannten Rauchverzehrer in den unterschiedlichsten Dekors und Gestaltungen vom bellenden Hund bis zum Porzellanliebespärchen. »Irgendwann habe ich mich in die Rauchverzehrer verliebt, die über Jahrzehnte in ziemlich jeder bürgerlichen Familie als Schmuckaccessoires die Wohnzimmer schmückten.« Dazu haben sich im Laufe der Jahre viele andere Utensilien zum Rauchen sowie Werbematerial aller Art für das Rauchen zu seiner Sammlung gesellt. „Es war nicht leicht, die richtige Auswahl von besonderen Gegenständen vom Streichholz bis zum Instrumentarium für das Pfeifenrauchern auszuwählen. »Dafür hatte ich Dr. Hanslok an meiner Seite.« Seit 45 Jahren ist Frank Mende von der Sammelleidenschaft infiziert. Für ihn ist das Sammeln Lebensinhalt und lässt ihn seine seit Jahrzehnten vorhandene Lungenkrankheit besser bewältigen. Die habe nichts mit dem Rauchen zu tun, denn er habe nie im Leben geraucht. Allerdings werden in der Ausstellung zahlreiche Besucher an die eigene Leidenschaft des Rauchens erinnert, die bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts sozial akzeptiert war und zum gesellschaftlichen Leben dazu gehörte und durch Werbung der Tabak- und Zigarettenproduzenten zum Style hochgejubelt wurde. »Natürlich wollen wir mit der Ausstellung keine Werbung für das Rauchen machen, zumal es inzwischen weitestgehend aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden ist«, betont Andreas Hanslok. Aber als sozialgeschichtliches Phänomen habe es die gesamte Welt über Jahrhundert geprägt. So führen Texte und Bilder in der Ausstellung durch einen Teil der Kulturgeschichte von den Anfängen in indianischen Kulturen Amerikas über die Griechen, Römer und Germanen. Kolumbus wird zugeschrieben, dass er den Tabak mit nach Europa gebracht habe. Den Siegeszug des Tabaks in Europa beförderte mit der französischen Regentin Katharina von Medici (1519 – 1589) eine Frau, die liebend gern Tabak als »Pulver der Königin« schnupfte. Später wird das Zigarrenrauchen zum Symbol für Reichtum aber auch für Revolution. Für den Schriftsteller Erich Kästner war »Kreativität ohne Rauch nicht denkbar«. Die Tabakpfeife sorgte noch besser dafür, den blauen Dunst lange dampfen zu lassen. Das Rauchen, erfahren Ausstellungsbesucher, war bis ins 20. Jahrhundert Domäne der Männer, erst dann verstanden Frauen wie Marlene Dietrich es als Mittel der Emanzipation. Auch Belege für die Zigarrenproduktion in Doberlug-Kirchhain fehlen in der Ausstellung nicht. Natürlich zeigt die Schau auch die Schädlichkeit des Rauchens und wie sich das Bewusstsein in der Gesellschaft zum Thema Rauchen verändert hat.Zwei Nichtraucher huldigen noch bis Anfang Januar den Raucherutensilien im Weißgerber-Museum in Doberlug-Kirchhain. Museumsleiter Dr. Andreas Hanslok und der Doberluger Sammler Frank Mende haben mit der Sonderausstellung »Der blaue Dunst – Entstehen…

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