sst

Magie der Weihnachtslieder

Cottbus. Jedes Jahr verzaubern sie die Menschen aufs Neue - Weihnachtslieder. Kirchenmusiker Peter Wingrich aus Cottbus spricht über dieses Wunder.

Herr Wingrich, wenn Sie an Weihnachtslieder denken: Welches Lied fällt Ihnen da sofort ein?

Peter Wingrich: »›Tochter Zion, freue dich‹ - das kommt mir als erstes Lied in den Sinn. Wir singen es als Adventslied, in anderen Ländern wird die Melodie auch zu Osterliedern gesungen. Sicher ist es die kraftvolle, fröhliche Musik von Georg Friedrich Händel, die mich an diesem Lied so anspricht. Aber auch ein zweites Lied muss ich nennen: ›Es ist ein Ros entsprungen‹. Das ist nun ein ›richtiges‹ Weihnachtslied. Und auf eine ganz andere Weise berührend durch den innigen Text und die wohlgestaltete alte Melodie, die für mich fast untrennbar mit dem wunderschönen Satz von Michael Praetorius verbunden ist.«

Alljährlich werden am Heiligen Abend in den Kirchen und in den Häusern mit großer Hingabe Weihnachtslieder angestimmt und aus tiefstem Herzen gesungen. Worin liegt der Zauber von Weihnachtsliedern?

Wingrich: »In den Weihnachtsliedern singen wir tiefgründige, oft sehr persönlich empfundene Texte zu schönen, auch volkstümlichen, Melodien. Diese Verbindung schafft eine Vertrautheit mit den Inhalten bei gleichzeitiger Einladung zum Singen und Mitsingen. Das betrifft auch viele neuere Lieder bis hin zu Popsongs und, leider sehr oft allzu seichten, Arrangements alter Lieder in den letzten Jahrzehnten. Aber es sind auch die starken Texte von Jesu Geburt. Dieses Ereignis steht ja heute im Bewusstsein der meisten Menschen, auch vieler Christen, über den Geschehnissen von Karfreitag und Ostern. Dieses Fest ist eben heute ›das‹ christliche Fest, so wird es wahrgenommen. Und da erinnert man sich gern an alte Lieder und das gemeinsame Singen. Denn, das ist der dritte Punkt, Weihnachten und Weihnachtslieder sind eng verbunden mit Erinnerungen an die Kindheit, diesen Zauber einer vergangenen Zeit, die Vorfreude und all die schönen und natürlich gern verklärten Weihnachtserlebnisse.«

Was zieht die Menschen mehr in den Bann: Die Melodie oder der Text eines Weihnachtsliedes?

Wingrich: »In vielen Fällen ist es wohl die optimale Kombination aus beiden. Gerade aktive Christen und Gottesdienstbesucher, die regelmäßig singen, kennen das von vielen Liedern. In der Weihnachtszeit kommen dann noch einige volksliedhafte Melodien hinzu und natürlich die gerade genannten Aspekte. Ansonsten ist es wohl heutzutage eher die Melodie, die sich einprägt und gern wieder erinnert wird.«

Inwieweit spielt bei dem Thema »Weihnachtslied-Magie« das gemeinsame Singen mit und unter Menschen eine Rolle?

Wingrich: »Heute spielt es, denke ich, besonders deshalb eine Rolle, weil insgesamt sehr wenig gemeinsam gesungen wird. Zumindest im traditionellen Sinne. Man darf nicht vergessen, das gerade junge Menschen heute auch viele Songs kennen und vieles davon singen und in sich tragen. Aber das gemeinsame Singen von Liedern, auch mit mehreren Strophen, bleibt dann so einem festlichen Höhepunkt wie Weihnachten vorbehalten. Das gehört dann genau zu dieser Stimmung oder ›macht auch mal Spaß‹, wie das vielleicht mancher so sieht. Und es ist für Einige noch der einzige Zugang zu älterer Musik und zum Volksliedersingen in der Tradition des 19. Jahrhunderts.«

Das bekannteste Weihnachtslied ist „Stille Nacht, heilige Nacht“. Warum hat es solch eine Berühmtheit erlangt?

Wingrich: »›Stille Nacht, heilige Nacht‹ ist auch ein kleines Weihnachtswunder. Es ist schon erstaunlich, wie sich dieses Lied von seiner Erstaufführung mit Gesang und Gitarre in einer kleinen österreichischen Kirche bis heute auf der ganzen Welt verbreitet hat und weiter so beliebt ist. Sicher ist es ein Beispiel für die perfekte Abstimmung von einem sehr innigen, romantischen Text und einer eingängigen, leicht fasslichen Melodie. Im Text ist das Weihnachtsgeschehen ganz knapp zusammengefasst, es ist aber im Prinzip alles Wichtige gesagt. Und Melodie und harmonische Begleitung sind ganz einfach, volksliedhaft, aber nicht trivial. Sie strahlen mit ihrem langsamen Schwingen bei gleichzeitig stetiger Entwicklung und Steigerung bis zum letzten Auf- und Abschwung eine Ausgewogenheit von Ruhe und Bewegung aus, die man so nicht in vielen Liedern findet. Ich glaube, diese Melodie geht einfach zu Herzen, anders kann man es nicht sagen.«

Weihnachtslieder, so möchte man meinen, sind bei den Gläubigen gleich. Doch es gibt Unterschiede – etwa zwischen den Protestanten und den Katholiken. Können Sie uns einen kleinen Einblick geben?

Wingrich: »Natürlich feiern Protestanten und Katholiken das gleiche Fest und haben damit auch beim Singen in der Advents- und Weihnachtszeit viele Gemeinsamkeiten. Viele Lieder sind gleichermaßen verbreitet, wie etwa ›Macht hoch die Tür‹, ›Es kommt ein Schiff geladen‹, ›Vom Himmel hoch‹, ›In dulci jubilo‹ oder ›O du fröhliche‹. In den Gottesdiensten werden vor allem Lieder aus den jeweiligen Gesangbüchern gesungen - dem Evangelischen Gesangbuch und dem Gotteslob -, oft noch ergänzt durch regionale Liedersammlungen. In der katholischen Kirche liegt wie zu anderen Zeiten im Kirchenjahr auch ein besonderer Schwerpunkt auf den Marienliedern, die aber gerade zur Weihnachtszeit auch in der Evangelischen Kirche eine große Bedeutung haben - etwa ›Maria durch ein Dornwald ging‹. Und die volkstümliche Frömmigkeit hat in manchen Regionen wie Süddeutschland ein stärkeres Gewicht. Daher kommen auch bestimmte Traditionen wie die Sternsinger zum Epiphaniasfest am 6. Januar. Diese Zeit nach Weihnachten ist bei uns Evangelischen allgemein weniger herausgehoben. In den regionalen Bräuchen und der Feier des Gottesdienstes an sich unterscheiden sich Protestanten und Katholiken. Aber gerade in der Advents- und Weihnachtszeit sind wir uns sehr nahe. Das gilt vor allem auch für die Lieder und Gesänge. Deshalb denke ich, wir sollten an dieser Stelle eher das Gemeinsame im Blick haben.«

Wenn Sie selbst ein Weihnachtslied komponieren müssten: Was ist für Sie das Geheimnis eines guten Weihnachtsliedes?

Wingrich: »Im Grunde das, was ich zu ›Stille Nacht, heilige Nacht‹ gesagt habe: eine einfache, schnell erlernbare Melodie, die trotzdem interessant und ansprechend ist, und ein klarer Text, der in einer deutlichen, aber poetischen Sprache geschrieben ist. Heute, wie zu allen Zeiten, muss man bei beiden den Bezug zu alten Liedern und den Gebrauch neuer Formen gut abwägen und zu verbinden suchen - es sollte ja zeitlos sein wie das oben genannte Lied, oder?«

Welches Weihnachtslied ist Ihr persönliches Lieblingslied?

Wingrich: »Neben den bereits erwähnten Liedern sind es noch einmal zwei, die ich als meine Lieblingslieder bezeichnen würde: Zum einen das Adventslied ›Wie soll ich dich empfangen‹, und das Weihnachtslied ›Ich steh an deiner Krippen hier‹. Die Melodien dieser Lieder sind einfach nur schön! Und in ihrer Wohlgestalt so tief einprägsam! Die Texte sind beide von einem unserer wichtigsten Liederdichter, von Paul Gerhardt. Auch zu den Texten kann und sollte man vielleicht wenig sagen. Man muss sie lesen, lange lesen, und den ganzen Reichtum der Gedanken und poetischen Bilder langsam in sich aufnehmen. Und noch einen heimlichen Favoriten gibt es. Ich gebe es zu: Das vorhin angesprochene ›Stille Nacht, heilige Nacht‹ gehört gewiss zu meinen Lieblingsliedern.«

Im Volksmund werden ab dem Advent weihnachtliche Weisen angestimmt. Dabei beginnt Weihnachten erst am 25. Dezember – dauert dafür aber 40 Tage und endet erst mit Mariä Lichtmess am 2. Februar. Im Gesangsbuch gibt es eine klare Aufteilung zwischen Advents- und Weihnachtsliedern. Worin unterscheiden sich beide Liedgruppen?

Wingrich: »Es ist schön, dass Sie dieses Thema noch einmal ansprechen. Ich habe ja schon diese Unterscheidung bei den Liedern getroffen. Durch all die Feierlaune, den Konsum und das Hauptthema Geschenke im Dezember eines jeden Jahres sind wir heute sehr darauf geeicht, alles zusammen als Weihnachtszeit zu betrachten. Aber das eigentliche Fest ist Weihnachten am 25. Dezember. Wir feiern das große Fest an dem Tag nach der Nacht, in der Jesus geboren wurde. Zumindest der Tradition nach. Wahrscheinlich wurde im Römischen Reich der Tag der Geburt des Sonnengottes als Datum gewählt, um die neue Religion zu etablieren. Aber ungeachtet des genauen historischen Datums befinden wir uns bis zum 24. Dezember in der Adventszeit, das heißt in der Zeit der Erwartung der Geburt des Herrn. Deswegen behandeln die Texte dieser Lieder die Aussicht auf das Kommen Jesu, die Freude über die angekündigte und bevorstehende Ankunft. Die Weihnachtslieder hingegen singen von den Geschehnissen in der Nacht des 24. auf den 25. Dezember, von Jesu Geburt, der Erscheinung der Engel bei den Hirten, deren Weg nach Bethlehem zur Krippe. Lieder vom Stern zu Bethlehem und den Drei Weisen aus dem Morgenland gehören schon in die Zeit nach Weihnachten.«

Ihr letztes Wort…?

Wingrich: »Wer kann, sollte die Advents- und Weihnachtszeit nutzen, um mit Kindern viele Weihnachtslieder zu hören, zu spielen und zu singen. Diese Lieder sprechen sie an. Und sie sind ein Schatz fürs Leben.«

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.