Leistungsdruck in der Gesellschaft – Der Zwang, gut zu sein

Hierzulande geht es den Menschen im internationalen Vergleich ziemlich gut. Die Arbeitslosenquote ist ziemlich gering, der Wohlstand verhältnismäßig groß und die Regierung ist stabil. Das Bruttoinlandsprodukt ist ziemlich hoch, Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Bei all diesen hervorragenden Nachrichten fragt man sich gelegentlich, ob es da überhaupt noch Schattenseiten gibt. Und wieder gilt das alte Sprichwort: Wo viel Licht ist, ist auch Platz für viel Schatten. Wo eine Wirtschaft sehr erfolgreich ist, muss viel Leistung sein – und wo viel geleistet werden muss, muss auch viel Druck sein. Was ist Leistungsdruck überhaupt? Wer oder was verursacht ihn? Welche positiven oder negativen Folgen hat Leistungsdruck? In diesem Artikel widmen wir uns diesen Fragen.

Was ist Leistungsdruck?

Widmen wir uns zunächst der Definition des Wortes, um überhaupt zu wissen, um was es genau geht. Der Duden definiert Leistungsdruck als psychischen Druck durch Zwang zu hoher Leistung. Diese Definition scheint zunächst nachvollziehbar, da sie treffend feststellt, dass im deutschsprachigen Gebiet und der westlichen Welt im Allgemeinen keinerlei physische Gewalt zur Leistung ausgeübt wird.

Wo wird Leistungsdruck ausgeübt?

Wo wird Leistungsdruck ausgeübt? Diese Frage ist tatsächlich sehr schwer zu beantworten. Es wäre einfacher, die Frage zu beantworten, wo kein Leistungsdruck herrscht. Tatsächlich besteht dieser in fast jedem gesellschaftlichen Kontext. Das geht bereits relativ früh los, nämlich in der Grundschule. Bereits dort ist es nötig, bestimmten Leistungsansprüchen zu genügen, um einen möglichst guten Einstieg in das weiterführende Schulwesen zu bekommen.  Denn bereits einundfünfzig Prozent der Schuljahrgänge schließen mit dem Abitur ab. Damit ist nicht nur das althergebrachte, dreigliedrige Schulsystem hinfällig, sondern gleichzeitig steigt der Leistungsdruck auf die Schüler auf eine recht indirekte, aber wirkmächtige Art und Weise.

Leistungsdruck in der Schule

Denn wenn mehr als die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler den höchsten Schulabschluss macht, steigt damit automatisch der Druck, es ihnen gleich zu tun, um möglichst gute Chancen auf den Arbeitsmarkt zu haben. Denn je größer der Pool an Abiturienten ist, umso stärker können Unternehmen dieses als Grundvoraussetzung für die Einstellung verlangen. Insofern steigt also auch hier der Leistungsdruck an – denn für ein möglichst komfortables Leben sind wir dazu gezwungen, so viel Geld wie möglich zu verdienen.

Wirtschaftlicher Erfolg hat seinen Preis

Selbstverständlich geht der Leistungsdruck weiter. Privatunternehmen sind schon allein durch die Globalisierung dazu verpflichtet, sich weiter zu ökonomisieren und so viel Gewinn wie möglich zu akkumulieren. Nur auf diese Weise können sie im durch die Globalisierung immer stärker werdenden Wettbewerb bestehen. Dies bedeutet automatisch, dass die Angestellten mehr leisten müssen. Und auch untereinander wird dadurch ein völlig anderer Konkurrenzdruck erzeugt, der unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herrscht. Kaum ein Mensch bleibt heute noch sein ganzes Leben bei einem einzigen Unternehmen, sondern wechselt verhältnismäßig häufig.

Leistungsdruck in Sport und Kultur

Dass die Entwicklung hin zu einer immer stärker leistungsorientierten Gesellschaft geht, ist kein Phänomen, das erst seit gestern zu beobachten ist. Stattdessen findet sie schon lange statt und ist keineswegs nur auf die Arbeitswelt beschränkt. Der gesamte Kunstbetrieb zum Beispiel muss sich ökonomischen Gesetzen beugen und entsprechend diejenige Kunst produzieren, die sich am besten und schnellsten vermarkten lässt. Viel deutlicher als dort, wo man vom fertigen Produkt abgesehen meistens aber gar nicht mitbekommt, wie beispielsweise die Betreiber von Filmstudios Einfluss auf das fertige Produkt nehmen.

Viel deutlicher als bei den Kulturschaffenden wird das Phänomen aber bei den Sportlern. Viele glauben nach wie vor, dass leistungssteigernde, verbotene Substanzen dort selten und wenn überhaupt in einigen wenigen Disziplinen wie dem Bodybuilding benutzt werden, wo man die Folgen doch recht offensichtlich sieht. Allerdings nutzen gerade Profisportler diese Mittel, um maximale Leistungen zu bringen. Deswegen spielt Doping im Profisport schon seit langer Zeit eine große Rolle. Eine Wechselwirkung zwischen Sportfunktionären, Sportlerinnen und Sportlern und den Erwartungen des Publikums ist hier ursächlich. Über die Jahrzehnte will das Publikum keine Stagnation sehen, sondern bessere Leistungen – und genauso funktioniert es in der Wirtschaft auch.

Ist Leistungsdruck positiv oder negativ?

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie wir all das zu bewerten haben. Ist es als positiv oder negativ zu bewerten, dass wir unter Leistungsdruck stehen? Oder hilft er uns sogar, über uns hinauszuwachsen und besser zu werden? Nun, das ist wohl vor allem eine individuelle Typfrage. Es ist kaum pauschal zu beantworten, ob man Leistungsdruck gut aushält und ob er positive oder negative Folgen auf die Gesellschaft hat.

Klar ist, dass er als einer von vielen Faktoren unseren Wohlstand mit verursacht haben mag. Sicherlich wird Druck also nicht nur negative Folgen haben – ohne irgendeine Form von Erwartungen würden vermutlich viele von uns auch nicht unbedingt die Leistungen bringen, die von ihnen erwartet werden. Andererseits hat Leistungsdruck potenziell verheerende gesundheitliche Folgen, auf die wir später noch eingehen werden.

Es stellt sich natürlich bei der individuellen Situation von Menschen immer auch die Frage, welchem Ausmaß von Druck sie gerade ausgesetzt sind. Während die eine oder andere Persönlichkeit sicherlich kaum Probleme hat, den an sie gestellten Erwartungen gerecht zu werden, fahren andere Arbeitswochen, die es ihnen unmöglich machen, ihre Familien noch oft zu sehen und Freizeitbeschäftigungen nachzugehen.

Schon in der Schule verhält es sich recht ähnlich. Während an manchen Schulen relativ geringe allzu großen Anstrengungen für ein vernünftiges Ergebnis reichen, fordern andere schon für halbwegs befriedigende Noten immense Arbeit.

Folgen von Leistungsdruck

Doch egal, ob man mit Leistungsdruck gut oder gar nicht klarkommt, zweifelsohne hat er sowohl persönliche als auch gesellschaftliche Folgen. Zu diesen gehört, dass das Doping keineswegs nur noch im Leistungssport stattfindet. Schon Jugendliche, die in Fitnessstudios trainieren, greifen heute nicht selten zu Steroiden, um ihre körperliche Leistung auf ein neues Level zu hieven. Die möglichen gesundheitlichen und psychischen Folgen stellen sie dabei hinten an und beachten sie in aller Regel gar nicht. Wichtig ist in diesem Fall nur der unmittelbare Erfolg in Form von mehr Muskulatur und Kraft.

Immer mehr Studierende beginnen, für ihre Klausurenvorbereitung und das Lernen im Allgemeinen Ritalin zu nehmen – ein Medikament, das eigentlich nur für Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizits-Syndrom. Die meisten von den Studierenden, die derartige Medikamente einnehmen, tun dies aber auch, ohne ein derartiges Syndrom zu haben. Sie glauben, dass sie dadurch bessere Ergebnisse einfahren. Dabei wirkt Ritalin auf das Gehirn und hat einige Nebenwirkungen, die auch für Erwachsene durchaus nicht ungefährlich sind. Und die Liste an Nebenwirkungen ist lang. Offensichtlich lassen sich die Menschen davon aber nicht schocken und versuchen, ihre Noten auf diese Art und Weise zu verbessern.

Burnout – neue Volkskrankheit?

Wer aber lange genug in der Mühle des Leistungsdrucks ist und nicht das Glück hat, zu der Bevölkerungsgruppe zu gehören, die gut damit umgehen kann, gehört definitiv zu den Menschen, die ein Burnout-Risiko haben. Obwohl es bis heute nicht als eigenständige Krankheit diagnostiziert wird, ist doch auffällig, dass Burnout erst in den letzten Jahrzehnten aufkam und auch immer häufiger eine öffentliche Resonanz fand. Bemerkenswert ist an dieser Erscheinung, dass sie meistens auf eine Phase der chronischen Überarbeitung folgt, die der Leistungssteigerung dienen soll.

Dann anschließend kommt aber der Zusammenbruch: Jede Tätigkeit scheint plötzlich zu einer überwältigenden Herausforderung zu werden. Statt der gewohnten Produktivität verharrt man nun in einer Phase der permanenten Übermüdung, in der die einfachsten Aufgaben des Alltages zu viel sind.

Meistens hilft im Fall eines Erleidens des Syndroms auch nichts als Erholung. Schon aus diesem Grunde sollte man sich prophylaktisch immer wieder Ruhephasen gönnen, damit es gar nicht dazu kommen kann, dass man zu der stetig wachsenden Gruppe von Burnout-Patienten gehört.

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