Carola Pönisch

Andächtig hoch über der Stadt

Dresden. Gläubig oder nicht: Eine Morgenandacht auf der Aussichtsplattform der Frauenkirche ist etwas ganz Besonderes. Nur sechs Mal im Jahr öffnet sich samstags punkt 6 Uhr morgens Tür G des Gotteshauses - immer am 1. Samstag im Monat von Mai bis September

Vier Uhr aufstehen, fünf Uhr losfahren. Oder gar nicht erst ins Bett gehen? Egal wie die Entscheidung ausfällt: Wer die 281 Stufen (schweigend!) inklusive 14 Prozent Steigung hinauf auf die Aussichtsplattform geschafft hat, ist definitiv munter.

Oben, in 67 Metern Höhe, zwischen Himmel und Erde, geht der Atem zwar etwas schwerer, klopft das Herz etwas mehr. Doch die zarten Töne, die Bertram Quosdorf seinem Saxophon entlockt, sind schon die erste Entschädigung für die Mühen des Aufstiegs. Die zweite Belohnung: Die Ruhe. Noch schläft die Stadt, noch dringt kein Laut hinauf. Noch künden nur verlassene Leihräder und abgestellte Bierbikes davon, dass auf dem Neumarkt bald reges Treiben herrscht.

Bis die ersten Worte von Pfarrerin Angelika Behnke die Stille beenden, bis die Teilnehmer das erste Gebet mitsprechen, in ein Lied einstimmen. Wer stumm bleibt, muss keine schrägen Blicke fürchten. Die Morgenandacht ist offen für Menschen jeder oder eben gar keiner Konfession.

Begegnungen

Nach knapp 30 Minuten ist die Morgenandacht vorbei. Es sollte an ein Wunder grenzen, fände hier einer, der bisher „ungläubig" war, in dieser kurzen Zeit zu Gott. Unter den 38 Gästen, die an diesem Morgen hier oben stehen, sind jedenfalls augenscheinlich einige nicht gebetssicher. Doch darum geht es auch nicht. Wer dabei ist, will einen Moment inne halten oder einfach nur dabei sein.

So wie das ältere Ehepaar aus dem Westen der Republik, das in Dresden vier Tage Urlaub macht und im Radio zufällig von der Morgenandacht hörte.

Für andere wieder wird sich diese Morgenandacht für immer verbunden mit Abschied. Zum Beispiel für Janne (30), der nach sieben Jahren Studium in Dresden wieder in seine Heimat Paderborn zurückkehrt, dessen Koffer gepackt, die letzte Nacht vorbei und der letzte Morgen in dieser Stadt angebrochen sind. Wann wird er wohl das nächste Mal hier oben stehen?

Gabriela (47) wiederum wird diesen Morgen ewig mit Ankunft verbinden, denn auf dem Weg zum Neumarkt las sie im Handy die Nachricht, dass sie Oma und die kleine Alea wohlauf und putzmunter ist.

Für manchen Dresdner gehören die Morgenandachten, die es 2012 gibt, längst zum gelebten Glauben, sie kommen regelmäßig her und werden von Bertram Quosdorf fast wie alte Bekannte begrüßt. Pfarrerin Angelika Behnke indes erlebte mit diesem ersten Aufstieg am 6. Mai ihre Premiere, denn die 44-Jährige wurde erst im Dezember mit einem Festgottesdienst in ihr Amt eingeführt. Dass es ihre erste Predigt um diese Zeit in dieser Höhe war, dürfte keiner an diesem Morgen bemerkt haben.

6.45 Uhr: So langsam sind alle Erinnerungsfotos gemacht, der Abstieg beginnt, wieder von Bertram Quosdorf und seinem Saxophon begleitet.

Auf dem Neumarkt beginnen die Baukräne ihren morgendlichen Tanz. Dresden erwacht.

Termine: 3. Juni. 1. Juli, 5. August, 2. September, Treff 6 Uhr Tür G der Frauenkirche, Eintritt frei

 

 

 

 

 

 

 

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.