Der Cottbuser Postkutscher nimmt seinen Hut

Die WoKu-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 150 Jahren -

Am 8. Dezember 2017 er­öffnete die Deutsche Bahn die neue Schnellfahrstrecke von Berlin nach München. Da­bei geschah genau das, was man mit ziemlicher Sicherheit erwarten konnte. „Zwei Sonderzüge setzt die Bahn am Mittag ein, in einem fahren drei Ministerpräsidenten, der amtie­rende Bundesverkehrsminister und Bahnchef Richard Lutz mit. ... In einen der beiden Sonderzüge stieg Bundes­kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch kurz vor dem Ziel in Berlin-Südkreuz zu.“ Gleich bei der Jungfernfahrt blieb der erste Zug liegen. Nach vier Wochen lautete die Bilanz: Fast zwei Drittel aller Züge sind unpünktlich! Welch ein Unterschied zur Eröffnung der Eisenbahnstrecke Cottbus - Görlitz. Am 31. Dezember 1867, vor 150 Jahren, wurde die Bahnlinie Berlin - Cottbus bis in die niederschlesische Metropole verlängert. Das war für die Infrastruktur des wirtschaftlich aufstrebenden Nord­deutschen Bundes ein enorm wichtiger Schritt.

Kein Presserummel

Die Gesamtstrecke Berlin – Cottbus - Görlitz errichtete der „Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg als General­unternehmer. Möglicherweise gab es Eröffnungsfeierlichkei­ten und Empfänge in Berlin oder Görlitz. In Cottbus, der Stadt, von der aus der erste Zug nach Görlitz startete, gab es so etwas nicht. Wenn es sie gegeben hätte, wären sie höchst dis­kret erfolgt, denn im Cottbuser Anzei­ger, der sich zu diesem Zeitpunkt noch „Anzeiger für Cottbus und Umgebung“ nannte, las man davon nicht. Der Anzei­ger veröffentlichte lediglich wöchentlich den Fahrplan für Postkutschen und Eisenbahnzüge. Danach konnte man über Weihnachten 1867 von Cottbus aus zweimal am Tag mit der Bahn nach Berlin fahren. Die Fahrzeit betrug drei­einhalb Stunden. Postkutschen gingen nach Guben, Forst, Bautzen, Dresden, Ortrand, Sommerfeld (Lubsko), Lübben und Berlin. Zum Jahresende druckte das Blatt den ab 31. Dezember 1867 gülti­gen Fahrplan. Nun war die Bahnstrecke bis nach Görlitz verlängert. Die Fahrzeit auf dem Streckenabschnitt Berlin - Cott­bus verkürzte sich auf drei Stunden. Da man von Görlitz aus Dresden und Baut­zen mit der Bahn erreichte und Lübben schon an der Bahnlinie lag, wurden die Postkutschen in diese Orte eingestellt. Für die Biomotorik, den Transport mit Pferden, der Jahrhunderte das Stadt­bild und den Rhythmus des Lebens bestimmte, kam langsam das Aus. Die Postillione bliesen in Cottbus nur noch zur Reise nach Forst und Guben. Aber auch hier war das Ende abzusehen. Ein Trost war die ab 1. Januar 1868 nach Drebkau verkehrende Postkutsche, die neu eingerichtet wurde. Vor 150 Jahren änderte sich die Welt und mit ihr die Stadt Cottbus in gro­ßem Tempo. Allerdings waren Pressemitteilun­gen, Fördermittelbe­scheide und Erfolgsmel­dungen von Ministern und Staatssekretären noch nicht erfunden. Und es gab noch keine Medien, die den Men­schen sagten, was gut und richtig ist.

Weltpolitik, Krisen und Klatsch

Der Leser wird nun fragen, worüber der Cottbuser Anzeiger dann schrieb, wenn ihm die Bahnlinie, die aus Cottbus eine prosperierende Industriestadt machte, so wichtig nicht war. Das Blatt berichtete sehr ausführ­lich und erstaunlich neutral über die großen Ereignisse in der Welt. Der britisch-indische Überfall auf das Kai­serreich Äthiopien, damals Abessinien, und der Tod des Negus Theodor II. wur­den ebenso kommentiert wie die Wie­derherstellung des japanischen Kaiser­tums und das Ende des Shogunats. Der strenge Winter 1867/68 hatte in Eu­ropa zu einer Hungersnot geführt, die schnell von Finnland über Polen nach Ostpreußen vordrang. Die Zeitung sag­te, dass „bereits ein stets wachsender Notstand“ die preußische Hauptstadt erreicht hat. Auch in Cottbus wurden die Leser des Anzeigers aufgerufen, für die Armenspeisung (früherer Name für die heutigen Tafeln) zu spenden. Natür­lich gab es in dem Blatt auch genügend Klatsch. Ein Hauptthema dafür war das Schicksal des Bruders des österreichi­schen Kaisers Franz Josef I., der den Versuch, Kaiser von Mexiko zu werden, mit dem Leben bezahlte. Sein Leichnam wurde im Januar 1868 in Wien zur Be­stattung in der Kapuzinergruft erwartet. Doch zurück zur Bahnstrecke Berlin - Görlitz. Sie verlor nach 1945 ihr zweites Gleis als Reparationsleistung. An der Wiederherstellung wird seit 1970 gear­beitet. „Das Land Brandenburg hat das Projekt als Vorschlag für den Bundes­verkehrswegeplan 2030 eingebracht“, hieß es in einer Pressemitteilung aus dem zuständigen Potsdamer Ministe­rium. Das passt gut, da könnte ja sogar schon der Flughafen fertig sein.

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