Region Torgau
In Ostsachsen sind die Wölfe inzwischen heimisch. Jetzt rechnet man auch in der Dübener und Dahlener Heide mit „Einwanderern“ aus der Lausitz. Foto: NABU/S. Zibolsky
13.04.2010
Eilenburg.
In der nordsächsischen Heideregion rechnet man in den nächsten Jahren mit „Einwanderern“ aus der Lausitz
Es gibt im deutschsprachigen Raum wohl kaum jemanden, der nicht mit ihnen aufgewachsen ist, den Märchen von den sieben Geißlein und vom Rotkäppchen. Eine tragende Rolle in ihnen spielt der Wolf. Und der ist böse.
Eilenburg. Nachdem der letzte deutsche Grauwolf (Canis lupus) vor über 100 Jahren sein Leben durch einen Büchsenschuss verlor, galt das scheue Tier in unseren Breiten als ausgestorben. Umso größer war die Begeisterung in den Reihen der Naturschützer, als Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aus Osteuropa eingewanderte Wölfe in der Lausitz heimisch wurden und erste Nachkommen zeugten. Die ehemaligen ausgedehnten militärischen Übungsplätze westlich der Neiße boten ideale Voraussetzungen dafür. Mittlerweile ist die Population auf rund 45 Exemplare angewachsen. In Ostsachsen wirds langsam eng für Meister Isegrim. Der Wolf beginnt zu wandern.
„Er wird kommen, früher oder später“, ist sich Giso Damer sicher. Der 51-jährige Sachgebietsleiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes Nordsachsen sitzt in einem kleinen Büro einer ehemaligen Wehrmachtskaserne in Eilenburg und spricht von den Wäldern der Dübener und Dahlener Heide. Der Diplomlandwirt aus Wölpern ist sozusagen von Amts wegen für den Graurock zuständig. Der unterliegt, im Gegensatz zur Zeit vor 1990, nicht mehr dem Jagdrecht, sondern der Naturschutzgesetzgebung.
Das treibt so manchen Weidmann auf die Palme. Die Jäger argumentieren: „Die Wölfe schmälern unseren Jagdertrag.“ Sicherlich ernähren sich die Tiere, die Nacht für Nacht zum Teil bis zu 50 Kilometer unter ihre Pfoten nehmen, von Wildschweinen, Rehen und Rotwild, „doch“, so Damer, „in der Mehrzahl der Fälle von Kranken, Verletzten und Jungen.“ Auch das eine oder andere Schaf wird gerissen, weil die Halter über Generationen verlernt haben, mit der Wildtierart Wolf umzugehen. „Vor 200 Jahren wäre es keinem Schäfer eingefallen, die Herde über Nacht ungeschützt im Freien zu lassen“, gibt Giso Damer zu bedenken. Sachsen setzt auf den Wolf. Mittlerweile fördert der Freistaat sogar die Anschaffung von technisch aufgerüsteten Weidezäunen und wehrhaften Schutzhunden. Besitzer von getöteten Schafen erhalten deren Marktwert ersetzt. Der Mann vom Umweltamt versucht außerdem, in Diskussionsforen die Befürchtungen von Grünröcken und Schafhaltern zu zerstreuen. Nicht immer sind seine Bemühungen von Erfolg gekrönt. Erst kürzlich musste er auf einer Versammlung des Landschaftspflegeverbandes Nordwestsachsen zur Kenntnis nehmen, dass manche Jäger noch immer dem 3-S-Prinzip huldigen: „Schießen-Schippe-Schweigen“. „Rotkäppchen“ lässt grüßen.
Rainer Schlippe
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